Die Predigt von Ghotar (Phil wird R4)

By | 28. Juli 2018

„Schliesst die Tore“ schrie Ghotar seinen Dienern zu. Mit lautem Knarren drehten sich die schweren Holztüren bis sie schliesslich mit einem Klack in die Schlösser vielen. Dann ertönten zum ersten Mal die Klänge der neuen Orgel, welche die Bauer in mühsamer Kleinstarbeit aus den Knochen tausender geschlachteter Gargantuas hergestellt hatten. Das „Awe Maria“ ertönte in absoluter Perfektion. Die Orgel brachte es auf eine nie dagewesene Klarheit in Klang und Umfang.

Wie jeden Sonntag trafen sich auch diesmal die Mitglieder der Narrenrunde in der Kathedrale von Sir Moltinus um der Predigt seines Priesters Ghortar zu lauschen. Die Kathedrale war, wie immer, auf den letzten Platz gefüllt. Jeder wusste, dass die Predigt feucht fröhlich enden würde, weil Bier und Wein nun mal dazu gehören.

Schalk und Spass durften ebenfalls niemals fehlen. Irgendein Herrscher einer Burg musste immer dran glauben und wurde vom Priester aufs Übelste zur Schnecke gemacht. Meist bot sich der Zündelmeister als ordentliches Opfer. Doch manchmal bekam auch der Tiroler oder selbst der König sein Fett weg. Sir Moltinus informierte seinen Prediger stehts genau über die Narrenrunde, wobei ihm auch das exquisite Protokoll half, dessen Schreiberin in ultimativer Detailtreue auch die Nebenschauplätze der entsprechenden Sitzungen aufzeichnete.

Erst während der letzten Sitzung hatten sich der Tiroler und Moltinus darüber gestritten, wessen Trinkhorn mehr Fassungsvermögen hätte. Der Beweis sollte durch mehrfaches Leeren der Trinkhörner erbracht werden, wobei die Bediensteten die Hörner jeweils im Turnus mit Bier, Wein und Met füllten. Sie blieben sich des Beweises schuldig. Und dies, obschon beide Trinkhörner vom selben Stier stammen und vom selben Meister ausgehöhlt und geeicht wurden. Doch liess es sich die Protokoll-Düse nicht nehmen, selbst die letzte Mahlzeit des Tirolers, sowie den Ort der Wiedergabe, genauestens und mit Skizze zu Protokoll zu bringen.

Diesmal zitierte der Priester den Schweizer Phil auf die Bühne, um ihn neben sich zu platzieren. Alle Augen richteten sich auf den braven Herrscher einer kleinen Sippe am Rande des Hives. Doch Phil schien ganz ruhig sitzen zu bleiben. Erst als der Priester seinen Namen mit deutlich spürbarem Nachdruck brüllte, schreckte dieser auf. Er? Wer was und wieso war Phil nun das Ziel dieses Sadisten eines Komikers und Klerikers? Phil soll sich auf dem Stuhl neben dem Priester einfinden?

In leicht gebücktem Gang bestieg dieser die kleine Empore. Gläsern-glänzende Augen zeugten davon, dass es Phil nicht wohl war in seiner Haut. Er setzte sich auf den Holzstuhl. Von Nahem sah der Priester in seinem weissen Gewand mit den breiten Ärmeln, seinen langen weissen Haaren und dem geschundenen Gesicht noch bedrohlicher aus als von Phil’s angestanden Platz. Und doch musste Phil innerlich über diesen Schelm schmunzeln. Was hatte ein Priester, dessen Glaube mehr dem Hopfen als einer Gottheit gehörte, denn schon über ihn zu melden? Er war bisher nie Teil eines grösseren Besäufnisses, hatte sich auch sonst noch keinen echten Namen bei der Legion gemacht, verhielt sich bescheiden und zurückhaltend und half, wo er nur konnte. Aber, und das wusste Phil genau, sass man nicht umsonst auf diesem Stuhl. Sickerten etwa Erzählungen und Geschichten aus seiner alten Gilde durch die Legion? Wusste König Ghosti mehr als dass er bisher Preis gab?

Nun. Man konnte sich dem Priester verwehren und sich somit gegen das Haus Sir Moltinus’ stellen. Allerdings wäre dies wohl auch gleichbedeutend mit einem Rauswurf in gänzlicher Schande gleichgekommen. Eine Option, die bisher noch keiner versucht hat. Und auch Phil wollte die entsprechende Prozedur nicht am eigenen Leib kennen lernen.

Der Priester erhob seine Arme, um mit ihnen und seinem Körper ein Kreuz zu bilden. „So preiset den Hopfen und Weizen, den Honig und die Traube, die Hefe und das Feuer, auf dass uns Met, Wein, Bier und Kekse niemals ausgehen werden. Ihr Lieben, glaubet nicht einem jeden Geist, sondern prüft die Geister ihres Gehaltes. Nicht in jeder Flasche ist unseres Gottes Geist enthalten. Nur diejenigen Geister, die Euer Gedanken unserem Gott lenken, sind unseres Gottes erhaben. Kinder, Ihr seid von Gott und habt jene überwunden, die den Geist der Gärung nicht erleben durften. Setzt an die Flasche und prüfet sorgsam. Denn nur daran erkennen wir den Geist der Wahrheit und denjenigen des Irrtums. Aaameen!“

Es wurden Hörner, Flaschen und Säcke in die Höhe gestemmt sowie gleichzeitig das „Amen“ des Priesters nachgeäfft. Alle ausser Phil nahmen einen grossen Schluck aus ihren Trinkgefässen. Ein erstes Mal hasste Phil den Kleriker, denn er musste sein Horn am Platz zurück lassen und durfte nun seinen Kollegen und den Bediensteten beim Saufen zuschauen.Ghotar brüllte noch ein paar weitere, zu Trinksprüchen abgeänderte Bibelverse in die Halle. Und jedes Mal trank die Meute ein kleinen Schluck mehr als davor.

Dann richtete sich der Priester zu Phil und lallte schon sichtlich benommen: „Phil, der Du heute unter unserer Gottheit weilst, wurdest gerufen, um Deinen Weg bei der Legion zu beschreiten. Denn Dein ist der Tag, der heute begangen werden soll und Deine Zukunft bestimmt!“

Mit der Ruhe in Phil war es nun endgültig vorbei. Nervös rutschte Phil von der linken auf die rechte Arschbacke und wieder zurück. Was dieser Pfaff mit ihm im Schilde führte, er musste es über sich ergehen lassen. Mela, seine Angetraute, grinste zu ihm hinauf. Auch Moltinus und der Tiroler waren sichtlich amüsiert über sein Verhalten, was ihn noch mehr zur Verunsicherung trieb.

Ghotar kreuzte seine Unterarme und ging, nun leicht gebückt und ein Kreuz vor sich haltend, auf Phil zu. Seine Augen weiteten sich, als stünde ihm der Schrecken der Welt ins Gesicht geschrieben. Als der Priester noch gut 2 Schritt von ihm entfernt war, senkte Phil den Kopf. Er hielt es, in dieser Situation, für richtig, obschon er eigentlich gar nicht genau wusste, ob dies auch entsprechend Sitte war.

Dann trafen ihn, wie aus dem Nichts, zunächst einige Tropfen und dann ein ganzer Schwall einer kohlensäurehaltigen Flüssigkeit. „Eine Bierdusche? Was sollen denn jetzt der Unsinn?“ dachte er sich. Aufgeschreckt sah er zum Prediger, der genüsslich eine Flasche Oetinger ihm entgegen schüttelte. Und natürlich war die Flasche noch nicht leer, als Phil den Prediger betrachtete, weshalb die nächste Dusche ihn auf die 12 traf.

Unter tosendem Gelächter und leicht angesäuert stand Phil auf und wollte eben auf den Pfaff los, als er den König hinter dem Priester sah. Ghosti stand vor einer Kiste dieses widerlichen Gesöffs und reichte dem Pfarrer gerade die nächste Flasche. Ghotar öffnete die Flasche aus dem Handgelenk. Ghosti, der gemeine Sack, hatte sie natürlich im Vorfeld ordentlich geschüttelt, weshalb sich auch der Inhalt der zweiten Flasche über Haar, Gesicht und Gewandung von Phil entlud.

Mit einer leichten Bewegung deutete der König Phil, sich wieder zu setzen. Er selbst trat nun vor ihn hin und beugte sein Haupt über ihn. Ghosti, bekanntlich nicht der Kleinste, wirkte in seiner Bewegung eher so, als würde er ein Kind tadeln wollen. Erneut füllte die Halle tosendes Gelächter aller Anwesenden. Die Situation sah auch zu komisch aus, wie der König in dieser Position verharrte.

„Im Namen des Lichts, der Dunkelheit, des Hopfens und des Weizens und im Namen aller Narren, erheb Dich!“

Langsam richtete Phil sich auf. Ghosti folgte diesem Vorgang, indem auch er sich langsam von seiner gebückten Haltung zurück in die Gerade fand.

„Phil, Du hast Dich der Verdienste der Narren redlich verdient gemacht und teilst unser Wesen. Als Verteidiger des Blödsinns und Hüter von Unsinn und Irrsinn, als Wissender und Begleiter unserer Mitglieder hast Du Dir Respekt verdient.“

Die anschliessende Pause nutzten der Tiroler, Sir Moltinus, Mike und Mietze, um auf die Bühne zu gelangen und sich demonstrativ hinter dem König aufzubauen. Die Situation deutend, sprangen auch viele Herrscher der umliegenden Burgen auf und zogen ihre wunderschönen Ehren- und Repräsentationsschwerter.

„Phil, ich erhebe Dich hiermit feierlich und mit allen Ehren in den Stand des R4. Du sollst fortan Teil der Narrenrunde sein und mit Deinem Wissen und Geschick die Gilde lenken. Du wirst für die Mitglieder Bibliothek und für die Neuen die Anlaufstelle sein!“

Die Herrscher streckten, Jubel schreiend, ihre Schwerter in die Höhe. Die Meute stand nun ebenfalls und applaudierte lautstark. Und auch die neuerliche Bierdusche seiner neuen Kampfgefährten schien Phil nun nichts mehr auszumachen. Im Gegenteil schien ihn auch das üble Gesöff nicht mehr zu stören, weshalb er den Mund weit öffnete und versuchte, wenigstens Teile der Flüssigkeit in seinen Körper gelangen zu lassen.

Hinter der kleinen Bühne wurde indes die Türe geöffnet. Ghotar verschwand und wurde stattdessen von 10 starken Recken durch eine prall gefüllte Tafel ersetzt. Bedienstete brachten Stühle und so setzte sich das erste Mal die neue Narrenrunde an einen Tisch. Selbstverständlich war auch für das Hauptschiff der Kathedrale gesorgt: durch die Haupttüren lieferten die Bediensteten von Sir Moltinus Karaffen mit frischen Met und Wein, Bierkisten stapelten sich und durch die Türen konnte man schon die leckeren Schweine sehen, die von dem Küchenteam mehrerer Königshäuser geschnitten und aufbereitet wurden.

Für diesen Abend sollte niemand hungern und dursten. Und ausser den Bediensteten mit ihren Aufgaben hatte ja auch niemand mehr etwas Besonderes zu tun. Und so feierte eine ganze Kathedrale die feierliche Ernennung von Phil, der in seinem bierdurchtränkten Gewand überglücklich an der Tafel sass.