Beförderung des Tiroler Bua

By | 27. Mai 2018

Hunderte fleissiger Bediensteter sausten durch das Schloss unseres Königs. Weshalb er immer wieder diese kurzfristigen grossen Feiern einberufen musste, war ihnen schleierhaft. Aber musste es denn immer so kurzfristig sein? Ein Satz hatte genügt, ein Schreiben, welches ein skurriler Schreiberling am Nachmittag überbrachte, reichte aus, alle in Aufruhr zu versetzen. „Bereitet ein Fest mit allen Ehren vor!“ lautete die Anweisung – kurz und knapp. „Hisst die Banner!“ schrie der Hofmeister durch die grosse Festhalle. „Seht zu, dass alle Deckenleuchter neue Kerzen erhalten! Hier, Du Idiot, gehört die Gabel und das Messer! Mach hin! Wir haben keine Zeit zu verlieren!“ Es war wie im Ameisenhaufen, den man gerade mit einem Holzstab malträtierte. Alle rannten sie durch einander, legten Teller aus, Kelche, Becher, Hörner, Kerzenleuchter und Schmuck. „Mit allen Ehren“ hatte der König gesagt. Also musste alles perfekt sein.

Ghosti sass in seinem Arbeitszimmer. Er studierte den Brief, den er am Nachmittag empfangen hatte. Ein Glück entsandte er am Nachmittag seine Jäger in den Wald, welche mit guter Beute zurückkehrten. Die Köche hatte entsprechend reichlich zu tun: Tiere filetieren, Kartoffeln schälen, Gemüse raspeln, Töpfe schleppen und die ganzen Feuer am Leben erhalten. Ganz leise hörte Ghosti die Trompeter die Fanfare üben. In Gedanken versunken, brütete Ghosti über die Zeilen der Urkunde, die vor ihm lag. Stimmte die Entscheidung, welche er getroffen hatte? Seine Ritter der Narrenrunde waren allesamt begeistert – und ihnen vertraute er. Sie hatten ihm immer den Rücken gestärkt und seine Entscheidungen respektiert und vertreten. Doch diese Entscheidung war so eindeutig, dass sie Angst machen könnte.

Wie aus dem Nichts ertönte die Fanfare der Narren – laut und klar, so dass sie alle im Schloss hören mussten. Ghosti erhob sich und schlug sich seinen Umhang über die Schultern. Stolz trat er aus seinem Zimmer und ging in die grosse Audienzkammer. Sir Moltinus, seine rechte Hand, Königin Mietz, seine Zugetraute, und Mike, der quirrlige Kampfmeister, erwiesen ihm die Ehre, als er das Zimmer betrat. Er bot seiner Mietz den Arm an, welchen sie sofort umfasste, und stolzierte erhobenen Hauptes an den Anwesenden entlang, den Blick von ihren Augen nicht abwendend. Seine Tafelrunde war versammelt.

Kaum hatten sie sich begrüsst, ertönte die Fanfare erneut. Doch diesmal war es nicht die Fanfare der Narrenrunde sondern diejenige der Narren selbst. Die übrigen Könige seines Reiches waren eingetroffen und warteten, standesgemäss, in der Vorhalle der grossen Festhalle. Sir Moltinus, nervös und bestimmt, wies die anwesenden an, sich an ihre Plätze am oberen Ende der Festhalle zu begeben und an der Narrenrunde Platz zu nehmen, so dass die übrigen Herrscher die Halle betreten können.

Als die Narrenrunde die Halle betrat, huschten die letzten Bediensteten beiseite. Alles war bereit: die Banner aller Königreiche hingen an den Wänden, die Kronleuchter glänzten und hunderte Kerzen brannten. Es war perfekt. Sir Moltinus wies den Bediensteten am anderen Ende der Halle an, die Türe zu öffnen, während sich Ghosti und die Übrigen setzten. Ein Bediensteter rannte herbei und lieferte frischen Met und Wein aus einer Karaffe. Die Hörner wurden gefüllt als die übrigen Herrscher und ihr Gefolge die Halle betraten.

Als sich die Unruhe gelegt hatte, erhob sich Ghosti. Streng, ruhig und bedacht blickte er in die Halle. Sein Heer jubelte ihm entgegen. Er jedoch erhob die Hand, worauf sofort Ruhe einkehrte. Mit heroischer Stimme befahl er allen Herrschern, sich zu erheben. „Tiroler Bua! Komm her!“ Mit geducktem Haupt trat dieser aus den Reihen und schritt ans Fussende der grossen Tafel. Die imposante Empore, auf welchen die Herrscher der Narrenrunde sassen, sah von nahem von höher aus als von seinem angestanden Platz her. Auch die vier Herrscher hinter dem Tisch sahen noch bedrohlicher aus als sonst schon. Einzeln und mit geducktem Haupt betrat er die einzelnen Stufen der Empore. Oben angekommen blickte er sich um und sah etwas, was seine ängstliche Laune umgehend verfliegen liess.

Die Mitglieder der Narrenrunde zwinkerten ihm zu – ausser Ghosti, der streng in die Menge blickte. „Tiroler Bua! Du hast Dich in den letzten Monaten an unsere Gepflogenheiten gehalten. Du hast Dich den Narren eingefunden und uns mit Deiner Anwesenheit Freude und Lachen bereitet. Du bist ein Narr, wie wir uns ihn vorstellen.“ Und während sich Ghosti um die Tafel began, sah er, wie Ghosti ein Schwert in der Hand hielt. Umgehend kniete Reiti nieder, als Ghosti an ihn heran trat. „Tiroler Bua! Im Namen der Narren, der Ritter der Narrenrunde und der gesamten Legion der Narren, erhebe ich Dich in den Stand des Ritters der Narrenrunde! Mögest Du mit Deinem Wissen, Deiner Voraussicht die Gilde behüten und stolzen Hauptes über sie wachen und agieren!“

Ich muss ja wohl nicht erwähnen, welcher Jubel ausbrach. Aber die Feste König Ghostis sind nun mal legendär.