Back, left, right – no the other right!

By | 12. Juni 2019

Eigentlich sollte die ASTERION II um 7 Uhr den Hafen Fusina erreichen. Als ich um 7:45 Uhr das erste Mal auf die Uhr schaute, hatte ich schon Angst, sie verpasst zu haben. Doch da, wo ich sie vermutet habe, stand sie nicht. Dies konnte, aus meiner Sicht, nur zwei Thesen ergeben: entweder war ich falsch, oder die ASTERION II zu spät.

Guten Morgen Fusina! Guten Morgen Venedig! Ein toller Blick auf den Hafen und auf das im dämmernden Licht strahlende Venedig! So stellte ich mir meinen Morgen ja vor. Wenn nun auch die neue Kaffee-Maschine noch ihren Dienst aufnimmt, bin ich glücklich. Und sie tat wie ihr befohlen – YES!

Doch wo war meine Fähre nach Patras? Nun gut. Die Reise beginnt ja planmässig erst um 12 Uhr, Check-In ist auch erst um 10 Uhr, also locker noch Zeit für 1-2 Kaffee und etwas die Morgensonne geniessen.

Es folgte die Bestätigung der zweiten These: die ASTERION II war schlicht zu spät. So konnte ich, mit Kaffe in der Hand, mitverfolgen, wie man im Hafen von Fusina ein Schiff dreht und dann auch noch festzurrt. Meine Reise hatte gerade ihr erstes Highlight erfahren.Da stand sie also: die Fähre, welche mich die nächsten 36 Stunden von Venedig nach Patras begleiten würde. Und ich stand am richtigen Hafen.

Jetzt war nur noch etwas zu klären: wie kriege ich meinen Camper auf dieses Schiff?

Um 9 Uhr verliess ich den Camping Fusina, diesmal ohne mein Navi aktiviert zu haben. Denn der Hafen war kurz davor angeschrieben. Und darauf wollte ich mich mehr verlassen als auf möglicherweise veraltete Karten. Es war auch zu einfach, vom Campingplatz zum Hafen zu gelangen: nächste rechts abbiegen, dann im Kreisverkehr die letzte Ausfahrt nehmen und schon stand ich am Check-In. Da ich doch sehr früh war, war am Check-In auch nichts los und so kam ich zügig durch. Man gab mir die Tickets – auch gleich diejenigen für die Rückfahrt – und wies mich ein, mich in die Warteschlange zu stellen. Ich also zurück in meinen T448 und zurück zum Kreisverkehr, die zweitletzte Ausfahrt zu nehmen.

Diese führte direkt zur Security, die Pass und Boardkarte kontrollierte und mich, per Funk ankündigend, in die Warteschlange schickte. 09:30 Uhr stand ich bereit. Doch nicht alleine: links standen schon gut 20 LWK bereit, rechts die halbe Strecke von gut einem Kilometer Fahrzeuge, welche nur bis Igounemitsa reisen wollten.

So hatte ich genügend Zeit, mich mit den Security Leuten und Gästen über das bevorstehende Verladen und die anstehende Reise zu unterhalten. Erste Schicksalsgemeinschaften wurden geknüpft, welche die Reise nicht ganz so langweilig werden lassen sollten. Denn, wie man mir bereits erläuterte, bietet die ASTERION II nicht wirklich viel Abwechslung für die lange Zeit, welche man darauf verbringen würde.

Dann ging alles plötzlich ganz schnell. Ein Security Mitarbeiter brüllte einige italienische Worte. Kurz darauf bat er unsere Reihe, sich in Bewegung zu setzen. Mich hielt er dann noch auf Abstand, während hinter mir alle Wagen auf der mittleren Linie passieren durften. Als dann auch ich gebeten wurde, den Motorradfahrern vor mir zu folgen, wurde mir schon etwas mulmig. Ich hatte ja keine Ahnung, was mich in den nächsten 30 Minuten erwarten würde, ist es doch das erste Mal auf einer Mittelmeerfähre und dann auch noch mit einem Gefährt, welche ich grundsätzlich noch nicht so wirklich kannte.

Als dann alle Motorräder die Fährrampe hochfuhren und ich an der Reihe stand, wurde erneut Pass und Boardkarte kontrolliert und erstmalig nachgefragt, ob ich wirklich alleine reisen würde. Ich hatte sichtlich Spass dabei, die gestellten Fragen zu beantworten, denn ja, so war es nun mal. Man bat mich, eine lange Schlaufe um die Einfahrt zu ziehen und neben einem anderen Wagen auf den Lademeister zu warten. So stand ich mit meinem Camper da und betrachtete Fahrzeuge, wie sie in die Fähre fuhren.

Wie aus dem Nichts stand plötzlich ein Mann in gelber Weste neben meinem Fahrzeug und deutete mir, mich sofort in Bewegung zu setzen. Ob ich wohl etwas geträumt hatte? Egal. Zündschlüssel drehen und Abfahrt, die Rampe empor. Hat die Fähre über den Zürichsee ganz kleine, feine Rillen in der Rampe, waren dies Schlagwerkzeuge, die meiner T448 offensichtlich starke Mühen machte, emporzukommen. Nicht genug, musste ich auch gleich noch ein weiteres Deck über eine steilere, mit mindestens ebensolchen Blockaden überwinden.

Dann stand da ein Weiterer mit gelber Weste, der wild gestikulierte. Ich öffnete das Fahrerfenster, denn was auch immer er von mir wollte: ich verstand ihn nicht. «Come here with your noise, then backwards!» schrie er in einem Gemisch aus laufenden Trucks und dem Motorengeräusch der ASTERION II. Gut, zunächst vor und dann wieder zurück. Egal. Ich tat, wie mir befohlen. «Left, right, left… go! Common! Right – NO, the other right! Left, right, back… stop and secure!»

Das war also mein Parkplatz. Sauber, wie er mich eingewiesen hatte, habe ich mich die letzten 2-3 Minuten doch nur auf ihn konzentriert. Er schien mit seiner Leistung auch sichtlich zufrieden zu sein und stapfte davon.

Selbst als ich die Scheiben des Campers geschlossen hatte, war der Lärm weiterhin ohrenbetäubend hier. Und es stank des Grauens! So packte ich meine Tasche, sicherte das Fahrzeug und kontrollierte nochmal jedes Fenster, alle Türen und natürlich auch die Handbremse. Alles war sicher. Als ich mein Wohnmobil verliess, führte selbiger Ladehelfer bereits den nächsten Camper durch die riesige Halle auf mich zu. Mit einer bewundernswerten Präzision führte er das Gefährt vor meinen T448 und verschwand dann wieder, um wohl den Nächsten am Aufgang zu empfangen.

Mir stellte sich indes die Frage, wie ich nun zu meiner Kabine kommen sollte. Denn eine Treppe sah ich nirgends. Also hoffte ich mal darauf, dass diejenigen aus dem vorderen Fahrzeug schon wissen würden, wohin wir nun müssten. «Es gibt einen Lift in der Mitte der Halle», liessen sie mich wissen. OK, diesen Lift nehmen wir. Beim Lift drehte ich mich dann nochmal um und musste gleich ein weiteres Bild knipsen. Da hinten, versteckt, steht mein Camper für die nächsten 36 Stunden… Cool!

Natürlich waren wir die Ersten am Lift. Zumal wir auf Deck 5 standen, es aber unter uns ja noch die Decks 1 (Autos), Deck 1-2 (Autos) und Deck 3 (Autos, LKW) gab. Entsprechend voll waren die ersten paar Lifte auch, die unser Deck erreichten. So blieben wir eine ganze Zeit in dieser unwirklichen Halle voller Lärm und Gestank stecken und bewunderten die beiden Ladehelfer, die dies wohl drei Mal wöchentlich durchmachen würden.

Auf Deck 7 angekommen, wurden wir gleich zur Rezeption geschickt. Diese wussten wohl definitiv, was sie taten. Denn sie fertigten die Masse an anströmenden Gäste mit einer Leichtigkeit und Freundlichkeit ab, mit welcher ich wirklich nicht gerechnet hätte. Von Hektik war hier definitiv bereits nichts mehr zu spüren. Umgehend bekam auch ich meinen Zimmerschlüssel für Kabine 8107 und wurde aufs nächste Deck geschickt.

 

Mein Zimmer war absolut leer, als ich es betrat – schlicht, aufgeräumt und sauber präsentierten sich die einzelnen Betten dieser 4-Bett-Kabine. Die Klimaanlage tat ihr Bestes, weshalb eine angenehme Kühle herrschte. Mir wurde Bett 8107B zugeordnet. So platzierte ich mal meine Laptop Tasche darauf und begann, das Schiff zu erkunden.

Die Aussicht auf den Hafen und die Verladeaktivitäten waren schon mal fantastisch. So blieb ich eine Weile an der Reeling stehen und schaute auf das Treiben am Boden zu und fragte mich, ob das Schiff auch auf See so ruhig blieb oder irgendwann doch zu schwanken beginnen würde. Zumindest das Rütteln der Motoren im Bauch des Schiffes waren deutlich zu spüren. Ob man dabei gut schlafen kann?

Irgendwann war es dann so weit. Die ASTERION II setzte sich in Bewegung. Die Ladeluke, über welche ich zuvor noch auf das Schiff gelangte, war immer noch offen. Hektisches Treiben auf Deck 6 zeigte jedoch, dass viele fleissige Helfer nun damit beschäftigt waren, das Schiff für die Reise vorzubereiten. Dicke Stricke, die das Schiff vorher am Pier fest heilten, wurden ebenso eingezogen, wie ein Stahlseil, an welchem wohl die Ladeluke befestigt war. Dann erschien diese auch und wurde zusätzlich nochmal mit zwei Stahlstangen am Schiff gesichert.

Ab ging die Reise, vorbei am Camping Fusina, winkenden Campinggästen, vorbei an Sacca Sessola, entlang dem Lido di Venezia und bei Santa Maria del Mare raus aufs offene Meer.

Inzwischen sassen bereits viele Gäste auf der Terrasse in Deck 8. Ich drehte mich um und genoss die Meerluft, welche mir durch Fahrtwind entgegen strömte. Das Schiff nahm Fahrt auf.

Irgendwann setzte ich mich zu einigen Herren und Damen hin, welche definitiv eine verständliche Sprache sprachen: Deutsch. Ich traf auf zwei Österreicher, welche mit ihren Motorrädern den Süden des Peloponnes erkunden wollten, zwei Deutsche, die ihr neues Haus in Kavalah begutachten müssen und zwei Deutsche, die einfach mal so mit Motorrädern Urlaub machen wollten. Es entstanden viele spannende Gespräche über allerlei Dinge, Orte und Gefahren in Griechenland und natürlich auch über Verhaltensweisen, welche man an den Tag legen sollte.

Später kamen dann noch Karten auf den Tisch – Spielkarten – und natürlich griechischer und italienischer Wein. Der Abend konnte nicht besser werden, ausser, dass ich immer noch nicht wusste, mit wem ich denn meine Kabine teilen werde.

Um kurz vor 1 Uhr machte ich mich auf mein Zimmer und sah, wie zwei Herren vor der Türe sich unterhielten. Als ich kam, sahen sie mich mit grossen Augen an: so jemanden hätten wir nicht erwartet. Willkommen!

Ein Grieche, der mit seinem LKW nach Igounemitsa unterwegs war und ein Deutscher, der ebenfalls bis nach Patras reiste, begrüssten mich. Sofort wurde die Türe wieder geschlossen, um ein gemeinsames Bier zu nehmen und etwas zu quatschen. Der Grieche gab mir dann noch einen Flyer seiner Bar, die er und seine Frau betreiben und meinte, ich solle doch da auch mal noch einen Stop machen. Er wäre nun mindestens bis Ende Juli dort.

Um Halb Drei Uhr früh endete ein spannender und, obschon fehlendem Angebot auf dem Schiff, äusserst abwechslungsreicher Tag auf der ASTERION II in meiner Kabine 8107 auf Bett 8107B.